• Fremd in 1050

    Ausstellungsserie: Fremd bin ich gekommen

    Ich möchte daran erinnern, dass Wien wie alle Städte dieser Welt durch Migration entstanden ist und sich durch Migration weiter entwickelt. Im 16. Jahrhundert verglich der Dichter Wolfgang Schmeltzl Wien wegen seines Sprachengewirrs mit dem biblischen Babel. Wiens Architektur, die Speisen, die Kunst, die Wissenschaft, sind durch die Symbiose von alt und neu, fremd und vertraut entstanden.

    Mitte des 19. Jahrhunderts wurden nur 44% aller Wiener hier geboren, im Gegensatz zu 69% im Jahr 2017. Heute hat rund die Hälfte der Wiener Migrationshintergrund. Die meisten Zuwanderer kommen aus der Türkei, Serbien und Deutschland. Ein relativ hoher Prozentsatz von ihnen hat sich in Margareten niedergelassen. Das verläuft nicht immer reibungslos, aber der kleinste Bezirk Wiens hat bis heute eine Tradition der sozialen Einrichtungen und des Engagements. Schon Anfang des 19 Jahrhunderts hat es hier ein Waisenhaus, ein Armenhaus und das Hartmann Spital (heute Franziskusspital) gegeben. Anfang des 20. Jahrhunderts hat das Rote Wien für die Bedürfnisse der MargaretnerInnen gesorgt und im Verhältnis zur Größe des Bezirks die höchste Dichte an Gemeindebauten erstellen lassen. Heute am Anfang des 21. Jahrhunderts werden Parks, Freizeit- und Sozialeinrichtungen und eine intensive kulturelle Aktivität von der Bezirksvorstehung gefördert und getragen.

    Wien erlebte immer wieder größere Einwanderungswellen. 1956 nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands durch die Sowjets, kamen 180.000 Flüchtlinge nach Wien. In den 60er Jahren wanderten um die 265.000 Menschen aus der Türkei und Jugoslawien nach Österreich ein und trugen mit ihrer Arbeit viel zum österreichischen Konjunkturaufschwung bei. Viele von ihnen ließen sich in Wien nieder.. Als im Jahr 2015 die erste Flüchtlingswelle aus Syrien und Afghanistan begann, stellten 88.000 Menschen in Wien einen Asylantrag. 2017 waren es nur mehr rund 15.000.

    Diese Zahl ist im Vergleich zu anderen Flüchtlingswellen überschaubar, doch die Ausländerfeindlichkeit nimmt heute sowohl in den Medien als auch in der Politik einen immer hetzerischeren Ton an. Das ist eine bedrohliche Entwicklung, denn die größten Gräueltaten der Geschichte begannen immer mit der Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen und endeten im Falle des zweiten Weltkrieges mit der aktiven Mithilfe oder der stillschweigenden Duldung des Mordes an sechs Millionen Juden und Roma durch viele Österreicher.

    Ich lade Sie ein: lernen wir die sogenannten Fremden, die alten und die neuen, in unserem Bezirk kennen. Helfen wir mit, dass Wien eine lebendige, freie und sich weiter entwickelnde Stadt bleibt.

  • ASLAN GABRIEL, Pensionist

    Ich bin Assyrer und komme aus dem Südosten der Türkei. Unser Volk wird von den Türken unterdrückt und ich wollte den türkischen Wehrdienst nicht leisten. Deshalb bin ich 1976 nach Wien gekommen. Am Anfang habe ich gedacht, ich überlebe das nicht. Ich habe Aramäisch, Kurdisch, Arabisch und Türkisch gesprochen aber kein Deutsch. Aus einer lebendigen Welt bin ich in die Einsamkeit getaucht. Ich habe dann den Schneidermeister gemacht und mit der Zeit die Sprache gelernt und Freunde gefunden. Ich bin ein definierter Gegner des Sicheinkapselns. Ich finde, dass man den Gesetzen und den Strukturen des Gastlandes zu folgen hat und ihre Sprache lernen soll. Es geht darum, das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Bewahren des Eigenen und der Öffnung dem Neuen gegenüber. Man kann von einem Land nicht nur nehmen und nichts geben. Ich bin ein Kosmopolit und ein Demokrat. Ich habe den Mesopo­tamien Kultur und Sportverein gegründet, um unsere Sprache und unsere Identität zu pflegen. Jede Kultur ist eine Bereicherung. Jeden Tag Schnitzel essen wird auch fad. br>

  • ADRIANA DAVIDOVIĆ, Projektleiterin im Verein Wirtschaft für Integration, BA in internationaler Entwicklung

    Ich bin in Bayern geboren und aufgewachsen, meine Eltern stammen beide aus Serbien. Mein Vater ist als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen und hat sein Leben lang hart gearbeitet, damit wir Kinder studieren können und es besser haben als er. Die Mutter hat in Serbien einen tollen Job als Elektro­technikerin gehabt. Als sie dem Vater nach Deutsch­­- land gefolgt ist, hat sie als Verkäuferin arbeiten müssen. Sie hat schnell Deutsch gelernt, dennoch werden wir in Regensburg als Ausländer gesehen und in Serbien auch. 2011 bin ich zum Studieren nach Wien gegangen. Wien hat mich gut aufgenommen und ist sehr heimelig für mich. In Regensburg hat es keine serbische Community gegeben, hier steht an jeder zweiten Klingel ein Name mit Vić am Ende. Durch das Serbische in Wien habe ich das Serbische in mir wieder mehr gespürt. Regensburg, Belgrad und Wien sind alle Heimat für mich. Belgrad ist meine Herzensheimatstadt, weil meine Wurzeln dort sind. Ich plane nach Serbien zu gehen, um das, was ich in mir trage, auszuleben und zu festigen und es eines Tages meinen Kindern weiter zu geben. Ob ich ganz dort leben kann und will, weiß ich nicht.

  • AMEL IBRIŠEVIĆ, Revierinspektor

    Als meine Familie 1992 aus Bosnien geflüchtet ist, bin ich ein Baby gewesen. Meine Großeltern sind nach dem Krieg zurückgegangen. Keiner verlässt freiwillig seine Heimat. Auch die zurückgebliebenen Toten sind Teil der Familie und für sie ein Grund zur Rückkehr gewesen. Als ich mit sechs Jahren das erste Mal nach Bosnien gefahren bin, bin ich so froh gewesen, dass alle meine Sprache sprechen und wir alle zusammen gehören wie eine große Familie. Sprache verbindet, sie ist der Schlüssel für alles, auch in meinem Beruf als Polizist hilft sie mir. Sehr oft resultieren Konflikte aus Kommunikationsschwierigkeiten. Die Kinder in der Schule haben sich oft über meinen Namen lustig gemacht, und ich hätte ihn gerne geändert. Aber mein Vater hat gemeint, er habe mir aus meiner Heimat nur meinen Namen und meine Religion mitgeben können und hat es verboten. Ich bin ein moderater praktizierender Moslem und Wien ist meine Heimat. Ich träume auf Deutsch. Meine stärkste Verbindung nach Bosnien ist meine Familie, nicht das Land. Eine Fahne ändert sich leicht einmal, Grenzen verschieben sich ständig, das Einzige was bleibt, sind die Menschen.

  • ANIKÓ KAPOSVÁRI, Mediation, Erwachsenenbildung, Playback Theater

    Ich bin in Budapest geboren. Mein Erwachsenenleben hat in einer Umbruchstimmung begonnen, als sich der Kommunismus in eine Demokratie verwandelt hat. Auf einem Theater Weltkongress habe ich meinen österreichischen Mann kennen gelernt. Meine Familie ist vom Holocaust betroffen gewesen, meine Groß­mutter hat ihn überlebt und Deutsch ist die letzte Sprache gewesen, die ich lernen wollte. Die Liebe hat es anders entschieden. Heute habe ich viel Freude mit der Genauigkeit der deutschen Sprache. Es ist schwer in Österreich Fuß zu fassen, es nimmt dich nicht mit offenen Armen auf. Zum Glück habe ich durch meinen Mann und die Deutschkurse soziale Kontakte knüpfen können. Heute fühle ich mich in Wien zu Hause, unser Sohn ist zweisprachig aufgewachsen. Heimat besteht für mich aus Beziehungen und ist unabhängig von Orten und Nationalitäten. Also ist Wien meine Heimat, aber wegen meiner Freunde und der Familie auch Ungarn. Im Vergleich zu Budapest ist Wien gelebte Vielfalt. Diese Buntheit liebe ich. Und ob man sie liebt oder nicht, sie ist die Zukunft.

  • ARIJANA ŠEGALO, Bezirksrätin für den fünften Bezirk

    Wir sind während des Jugoslawienkrieges aus Sarajewo geflüchtet. Ich hatte Wien mit Kaiserin Sisi-Filmen assoziiert, doch bei meiner Tante, wo wir gewohnt haben, sind Wasser und Klo am Gang gewesen. Das war ein Schock. Ich habe schnell Deutsch gelernt und als Volksschulkind nie Aus­grenzung erfahren. Erst später als durch Haider das Ausländerthema so feindselig propagiert worden ist, habe ich mich gefragt, worin ich mich von den gebürtigen Öster­reicherInnen unterscheide. Ich habe begonnen, mich sozial zu engagieren und bin als Zehnjährige mit der Friedensflotte 1997 in Kroatien gesegelt. Das ist der Versuch einer Identitätsfindung gewesen, die über die Herkunft hinweg geht. Meine Mutter hat sich für uns Kinder geopfert und ist hier geblieben. In Bosnien ist sie gelernte Buchhalterin gewesen, hier ist sie praktisch als unzivilisiert angesehen worden, weil sie die Landessprache nicht gut gesprochen hat. Das ist heute bei den Flücht­lingen nicht anders. Ich habe das Glück gehabt, viele Menschen kennen zu lernen, die mich unterstützt haben und mich nicht auf meine Herkunft, mein Alter oder mein Geschlecht reduziert haben. Es ist mir wichtig, Österreich etwas zurück zu geben und einen Beitrag für diese Gesellschaft zu leisten.

  • ASMA EL BAANA, Verkäuferin im Blumen Lotus

    Meine Eltern leben in Ägypten und sind Bauern. Ich habe die Handelsschule gemacht und ihnen in meiner Freizeit am Feld und mit den Tieren geholfen. Im Jahr 2000 habe ich geheiratet und bin hierhergezogen. Mein Mann lebt schon seit 1989 in Wien. Am Anfang haben mir meine Familie und das Reden mit anderen Menschen und die Lebendigkeit sehr gefehlt. 2008 haben wir unser Blumengeschäft eröffnet, hier arbeite ich und rede mit den Kunden. Seitdem geht es mir besser. Meine Kinder sprechen perfekt Deutsch und Arabisch. Ich hätte gerne, dass sie studieren. In meiner Familie gibt es viele Ärzte und Ingenieure, auch Frauen. Mein Zuhause ist Ägypten, hier habe ich Angst, denn ich bin schon drei Mal im Geschäft ausgeraubt und geschlagen worden. Viele Öster­reicher sind nett, aber manche schauen ins Geschäft rein und sobald sie mich mit meinem Kopftuch sehen, gehen sie wieder oder machen eine abfällige Bemerkung. Ich möchte dennoch Österreicherin werden, um nicht ausgewiesen zu werden. Hier habe ich meine Arbeit und meine Familie.

  • CHUMA CEDRIC MAYER, Head of marketing and sales

    Ich bin am Land in Vorarlberg aufgewachsen, da lernst du Handschlagqualität und Gemeinschaftssinn. Vorarlberger sind Fremden gegenüber skeptisch, aber wenn du einmal dazugehörst, dann passt es. Hin und wieder bin ich wegen meiner Hautfarbe von Fremden angestänkert worden. Es ist mir unbegreiflich gewesen, dass mich Menschen abwerten, die keine Ahnung haben, wer ich bin. Heute sehe ich Rassismus als eine Möglichkeit, sich gegenüber anderen aufzu­werten, weil man es braucht. Es ist wie Mobben ein Zeichen von Schwäche. Als ich einmal nach Nigeria zu meinem Vater gefahren bin, hat er mir gesagt, dass ich außen schwarz aber innen weiß bin. Da habe ich verstanden, dass ich die Freiheit habe, mir meine eigenen Identifikationspunkte auszusuchen: Meine Freunde, tolle Erlebnisse, schöne Begegnungen, meine Prinzipientreue, das ist es was mich ausmacht. Ich fühle mich als Vorarlberger der in Wien lebt und eine andere Hautfarbe hat. Heimat ist ein Gefühl, es ist der Ort an dem man seine Potentiale entfalten und in die Gesellschaft einbringen kann, ohne seine Grund­werte aufgeben zu müssen.

  • DENIZ GAGLI, Maler und Anstreicher, Krankenträger und Besitzer des Restaurants Mimoza

    Mit fünf Jahren bin ich mit meiner Familie aus Ost­anatolien nach Wien gekommen. Wir sind Kurden und es hat immer wieder Konflikte zwischen Kurden und Türken gegeben. Ich kann mich noch gut an die Schüsse in der Nacht auf den Hügeln vor unserem Haus erinnern. In Österreich ist es schön, ich kann frei entscheiden, welche Sprache ich spreche und welche Religion ich ausübe,es gibt keinen Zwang. Ich bin hier aufgewachsen, ich habe mich angepasst und das ist richtig so. Als Migrant ist es mir hier in Wien bis vor ein paar Jahren sehr gut gegangen. Aber jetzt merke ich auch im Spital, dass ich oft komisch angeschaut werde. Ich verstehe die Österreicher. Sie hören in den Nachrichten ständig Schlechtes über Ausländer und werden misstrauisch. Leider wird das Gute nicht berichtet. Ich habe Geld gespart und das Lokal Mimoza übernommen. Meine sieben Angestellten sind alle Kurden, fast alle Kunden sind Österreicher, da gibt es keine Probleme. Ich fühle mich als österreichischer Kurde sehr wohl in Wien.

  • HIKMET KAYAHAN, Leiter Antirassismus Zentrum Wien

    In dem kleinen deutschen Dorf, wo ich aufgewachsen bin, sind wir eine der wenigen Migrantenfamilien gewesen, jeder hat jeden gegrüßt. Ich bin sowohl als tscherkessischer Türke als auch als Deutscher aufgewachsen und habe mir erst später als Student die Frage nach meiner Identität gestellt. In Istanbul, wo ich Germanistik studiert habe, bin ich nicht als vollwertiger Türke akzeptiert worden, es ist ein neues Fremdsein für mich gewesen. Ich bin dort vor allem in meiner deutschen Sprache heimisch gewesen. Heute fühle ich mich als Tscherkesse aus der Türkei mit deutscher Sozialisation und Lebensmittelpunkt in Wien. Ich kann gut switchen und entweder Türke, Deutscher, Österreicher oder Tscherkesse sein. Das ist ein reiches Instrumentarium, das vielen Menschen mit Migrationshintergrund zur Verfügung steht. Wir haben kein selbstverständliches Zuhause, sondern ein durch unsere Erfahrung erliebtes, erarbeitetes, erkämpftes und im wahren Sinn des Wortes erlebtes Zuhause. Ich habe großes Glück gehabt und bin von Familie und Lehrern unterstützt worden. Das haben andere Menschen nicht. Aus diesem Grund engagiere ich mich gegen Rassismus und alle Formen von Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit.

  • JUAN MARIN, Publizist und Betreiber der Espresso Bar Marin

    Ich bin in Bogota, Kolumbien aufgewachsen und nach Wien gekommen, um Publizistik zu studieren. Ich habe viel von Stefan Zweig gelesen, Wien hat mich angezogen. Der akademische Bereich, in dem ich gearbeitet habe, ist auch bei uns total europäisch geprägt, denn das indigene Kulturerbe ist praktisch ausgerottet worden. Das Bild von Südamerika ist von Europäern geprägt worden, die dorthin ausgewandert sind. Das wird heute etwas besser. Im deutschen Sprachraum habe ich die ständige Frage nach der Herkunft, die mir gestellt worden ist, eher als eine kapitalistische als eine rassistische Frage verstanden. Europäer mögen keine Armen, sie haben nicht so viel gegen Ausländer, solange sie Geld haben. Das Fremdsein ist für mich etwas Neues gewesen, ich habe das erst lernen müssen. Ich habe nach dem Studium versucht als Journalist Fuß zu fassen. Das ist weder in Kolumbien noch in Wien gelungen und ich habe in dem Kaffeehaus eines Freundes gearbeitet. Das hat mir so gut gefallen, dass ich vor drei Jahren meine eigene Espressobar eröffnet habe. Ich bin sehr froh mit meiner Arbeit. Jetzt ist Wien meine Heimat, ich bin hier zuhause.

  • KAROLIN SCHMIDBAUR, Architektin

    Ich bin in Bayern aufgewachsen und habe 25 Jahre meines Lebens in Los Angeles verbracht. Dort habe ich mich richtig zuhause gefühlt. Die Stadt hat etwas Experimentelles und Junges, es war meine erste eigene Wohnung und ich bin in diesem Umfeld zu einer anderen Karolin geworden. Als ich in Mexiko gelebt habe, habe ich wieder eine ganz andere Karolin entdeckt. Heimat ist ein Lebensgefühl. Lang­sam habe ich den Verdacht, dass mir das Festlegen grundsätzlich nicht liegt. LA löst bei jedem Menschen eine andere Vorstellung aus, die eine Freiheit der Assoziation zu meiner Person erlaubt. Bayern oder Wien als Wohnorte unterliegen einer klaren Einordnung, die mich einschließt. Hier brauche ich viel Kraft, um wieder aus dieser Schub­lade heraus zu kommen. Die Vielfalt an Menschen und Kulturen in Los Angeles bedeutet für mich Luft, Bewegung, Lebendigkeit und Atmen. Ich bin ein Großstadt­mensch. Das Internatio­nale entspricht mir. „I am currently staying in Vienna“ drückt am besten mein Verhältnis zu Wien aus. Ich mag den neunten Bezirk und meine Wohnung ist ein stiller Rückzugs­ort. Es ist Zuflucht, nicht Zuhause.

  • MARIE MELA SPAEMANN, Cellistin, Singer – Songwriterin

    Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Meine Mutter ist Pianistin und stammt aus Deutschland, mein Vater ist Anwalt und kommt aus West Guinea in Afrika. Wenn ich in London bin, wird meine Haut ganz weich, weil ich dort nicht exotisch bin, sondern selbstverständlich. Dadurch habe ich erst realisiert, wie viel ich in der U-Bahn in Wien angestarrt werde. Ich habe lange in Kroatien Cello studiert und spreche kroatisch. Dort ist das noch ausgeprägter. Da gibt es so etwas wie positiven Rassismus, Menschen die sich mit mir fotografieren lassen wollen und meine Haare angreifen. Ich bekomme ein großes Maß an Aufmerk­samkeit. Das bringt mich dazu, mich selber mehr zu hinterfragen. Es ist für mich besonders wichtig, heraus zu finden, wer ich wirklich bin und die beste Version meines inneren Selbst zu entwickeln. Ich stehe auch in meinem Berufsleben auf der Bühne und im Fokus von Menschen, aber da suche ich mir selber aus, was ich von mir zeige. Ich bin Wienerin, aber das schwankt, ich bin auch gerne Deutsche. Und meinem afrikanischen Ursprung verdanke ich sicher auch meine Liebe zum Singen und Tanzen.

  • MOHAMMAD REZA MEHRABI, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe

    Ich bin im Iran am Persischen Golf geboren und nach Wien gegangen um zu studieren. Sobald ich ein bisschen Deutsch gesprochen habe, sind die Öster­reicher sehr nett gewesen. Das Studium habe ich mir durch Nebenjobs selbst finanziert, ich habe Geschirr gewaschen und bin Lagerarbeiter gewesen. Ich komme aus einer armen Familie mit zehn Kindern. Ich weiß, was Armut bedeutet. Das hat mich geprägt. Und ich weiß, dass man mit ganz wenig, einem Lächeln, einem sanften Händedruck viel bewegen kann. Letztendlich sind wir alle Menschen, unabhän­gig von Nation, Beruf, Religion und Einkommen. Mein Herz hat zwei Kammern und mein Kopf hat zwei Hälften, die eine ist persisch, die andere öster­reichisch. Denn den Geburtsort vergisst man nie, auch wenn Wien jetzt meine Heimat ist. Ich bin stolz auf meine Arbeit und ich bin Österreich dankbar, weil es mir erlaubt hat, meine Ziele zu erreichen. Es ist mir ein inneres Bedürfnis, diesem Land etwas zurück zu geben. Ich habe viele wissenschaftliche Studien im Namen der Republik Österreich publiziert und habe jahrelang als Notarzt gearbeitet. Man muss Geben und Nehmen, dann geht es allen Menschen besser.

  • JANI KUHNT SAPTODEWO, Museumskuratorin

    Ich bin Java geboren und aufgewachsen. Mit 22 Jahren bin ich nach Deutschland gekommen um zu studieren. Ich habe mich sehr einsam gefühlt aber sowieso nicht vor gehabt zu bleiben. Heute sehe ich noch immer anders aus, aber bin schon 40 Jahre hier. Ich habe 1976 in Passau geheiratet und 16 Jahre innerlich mit einem Koffer in der Hand gelebt. Erst mit der Promotion und der Stelle als Assistenz-Professorin habe ich das Gefühl bekommen, dass ich in Deutschland bleiben kann. 2015 bin ich als Kuratorin am Weltmuseum mit meinem Mann nach Wien gezogen. Ich habe mich anpassen müssen, denn hier kann man nicht so ehrlich und direkt sein wie in Deutschland. Das ist eine posthöfische Kultur, wie in Java. Hierarchie und Status sind wichtiger als die egalitäre Gesellschaft. Bei den Diskussionen über Flüchtlinge in Österreich, habe ich oft den Eindruck, mich für mein Hiersein rechtfertigen zu müssen, obwohl ich sehr gerne hier lebe. Deshalb bin ich froh, dass ich noch meinen indonesischen Pass habe. Das ist ehrlicher und ich muss mich nicht so sehr damit auseinandersetzen, dass ich immer noch als Ausländerin angesehen werde.

  • NADESHDA STÜRZEBECHER, Kunst- und Yogalehrerin am Rainer Gymnasium

    Ich bin in Bulgarien aufgewachsen und mit 18 Jahren nach Wien auf die Universität für Angewandte Kunst gekommen um zu studieren. Ich bin aus einem Umbruchsland gekommen, in dem ich an Demons­trationen teilgenommen und mich für den System­wechsel eingesetzt habe. Dann bin ich endlich in den freien Westen gekommen, wonach wir uns alle gesehnt haben, und nichts ist so gewesen, wie ich es mir vorgestellt habe. Äußerlich ist alles ordentlich und bequem aber der Konsum und die Wegwerf­gesellschaft haben mich schockiert. In Wien fehlt mir die Seele, das Geistige und Spirituelle. Heute habe ich mehr Heimweh denn je, obwohl ich hier zwei Master­studien absolviert habe und 21 Jahre lang versucht habe, mich zu integrieren. Ich arbeite als Lehrerin und als freischaffende Künstlerin, weil ich junge Menschen mag und ihnen helfen will, ihre Kreativität zu entfalten und an sich zu glauben. Das sehe ich als meine Berufung. Mein Kopf ist österreichisch und mein Herz bulgarisch. Ich bin dabei mein Leben so zu verändern, dass ich dem Ruf meines Herzens folgen und mich mehr ausdrücken kann.

  • PATRICIO „PATO“ HANDL, Grafiker

    Meine Mutter stammt aus Uruguay, mein Vater ist 1938 nach Argentinien geflohen und hat als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebt. Er hat nie mit uns Deutsch gesprochen und nie über Österreich erzählt. Er ist erst 1998 als sehr alter Mann nach Wien gekommen und hat wieder die Staatsbürgerschaft angenommen. In Wien hat er alles wieder gefunden, was ihm etwas bedeutet hat, die Textilschule in der er gelernt hat, sein Geburtshaus, die geliebte Stuben­bastei. Mit 18 bin ich nach Europa gegangen, habe mich verliebt und bin geblieben. Ich habe Geschichte, Politologie und Philosophie studiert. Heute fühle ich mich als Mensch aus Rio de la Plata, das ist der Grenzbereich zwischen Argentinien und Uruguay. Dort leben viele Migranten aus Italien und Spanien, auch viele Juden und alte Nazis. Ich bin Österreicher und Uruguyaer. Meine Frau ist Chilenin und ich bewege mich viel zwischen den beiden Welten. Wenn man verschiedene Kulturen kennt, hat man weniger Ängste und mehr Bezugspunkte für die eigene Orientierung. Das macht das Leben einfacher und leichter. Staatsbürgerschaft hat für mich nicht die geringste Bedeutung. Das Wort Patriot kommt mir nicht in den Mund. Ich bin ein typischer Öster­reicher der Zukunft.

  • SUNNY CHACKO MANIANCHIRA, Abteilungshilfe im Franziskus Spital

    Ich komme aus Kerala in Indien und bin 1993 nach Österreich übersiedelt. Im Franziskus Spital, wo meine Frau als Krankenschwester arbeitet, habe ich sofort eine Stelle bekommen. Am Anfang habe ich großes Heimweh gehabt. Unser Plan war, nur ein paar Jahre zu bleiben, aber dann sind die Kinder auf die Welt gekommen und langsam sind wir heimisch geworden. Wir wohnen in einem Reihen-haus mit 15 österreichischen Familien und sind wie eine große Familie. Meine Tochter und ich sind im Pfarr­­­gemeinde­­rat. Heute fühle ich mich mehr als Öster­reicher, aber ich achte auf meine Wurzeln und organisiere das „Kerala Kulturprogramm“. Das Wichtigste in einem neuen Land ist die Sprache, die Akzeptanz der neuen Kultur und das Mitmachen. Dadurch kann ich mich zuhause fühlen. Im Spital zu arbeiten ist eine heilige Arbeit. Einmal habe ich eine Patientin ins Zimmer gebracht, die große Angst vor ihrer Operation gehabt hat. Ich habe ihr alles gezeigt und ein bisschen mit ihr geredet und dann hat sie mir gesagt, „Meine halbe Krankheit ist schon weg.“ Das werde ich nie vergessen. Als meine Eltern alt und krank waren, bin ich nicht in Indien gewesen, um sie zu pflegen. Das verstößt gegen unsere Sitten. Durch meine Arbeit mit alten Menschen kann ich das ein bisschen wettmachen.