• Fremd in 1070

    Ausstellungsserie: Fremd bin ich gekommen

    Wer sind die „Fremden“ in unserem Bezirk? Was ist fremd? Wann fühle ich mich an einem Ort zuhause?

    Die Porträtfotografin und Buchautorin Aleksandra Pawloff, Französin russischen Ursprungs und seit vielen Jahren in Wien beheimatet, hat BewohnerInnen von Neubau mit Wurzeln in aller Welt fotografiert und befragt.

  • MILTIADIS GEROTHANASIS, Künstler und Manager bei Franz & Gloria

    Ich bin im Norden Griechenlands geboren und vor 15 Jahren nach Wien gekommen, um hier Kunst zu studieren. Es war nicht einfach, ich stamme aus einem kleinen Dorf mit 200 Einwohnern, konnte zwar ein bisschen Deutsch, aber ich habe Jahre gebraucht, bis ich hier wirkliche Freunde gefunden haben. In Griechenland gibt es ein Straßenleben und dadurch kommst du leichter in Kontakt mit Menschen. Das war vor 14 Jahren. Seitdem hat sich in Wien viel geändert, die Stadt ist kommunikativer geworden. Und doch habe ich praktisch nur ausländische Freunde. Es ist sicher anders, wenn du hier in die Schule gehst und von klein auf die Mentalität kennst. Ich verbinde Heimatgefühl mit der Sprache, deshalb fühle ich mich nach wie vor in Griechenland geborgen. Ich kann dort mit einem Wort eine Situation auf den Punkt bringen und jeder versteht, was ich meine. Das hat nichts mit Patriotismus zu tun, denn ich schäme mich für vieles, was in meinem Land passiert. Meine Großeltern sind aus der damaligen Türkei 1911 zwangsumgesiedelt worden wie zwei Millionen Griechen und waren dadurch auch in Griechenland fremd und diskriminiert. Durch unsere Familiengeschichte habe ich gelernt, Minderheiten zu respektieren. Eines Tages möchte ich nach Griechenland zurückkehren. Ich kann nur dort meine künstlerischen Themen entwickeln, denn sie hängen mit der sozialpolitischen Situation in diesem Land zusammen. Aber Wien ist so gemütlich, es ist schwer von hier weg zu kommen. Ich habe hier viel erlebt und das hat mich geprägt. Das Studieren, die Toleranz gegenüber Homosexuellen. Es ist einfacher sich hier ohne Angst zu entwickeln. Das ist ein großes Geschenk. Was mich stört, ist dass der siebenten Bezirk immer elitärer wird: wenn du nicht jung, kreativ und schick bist, hast du hier keinen Platz.

  • ELIZABETH DAFERT, Diplom-Krankenschwerster

    Ich stamme aus Chile, wo ich als Krankenschwester gearbeitet habe. Mit 25 Jahren bin ich nach Wien zu meinem Onkel gezogen. Ich habe in seinem Restaurant gearbeitet und auf der Universität Deutsch gelernt. Der Anfang in Österreich war sehr hart für mich. Die Menschen hier sind viel distanzierter und kühler als bei uns und sie waren auch oft unfreundlich zu mir. Als ich dann die Sprache konnte, wurde es besser, aber ich hatte dennoch viel Heimweh und bin immer wieder für ein oder zwei Jahre nach Chile zurückgekehrt. Zu Hause habe ich mich hier lange nicht gefühlt. Erst nach vielen Jahren habe ich verstanden, dass Österreicher auch sehr herzlich sein können, sie brauchen halt ihre Zeit. Seit 1997 arbeite ich als Krankenschwester. Ich habe geheiratet und zwei Kinder bekommen. Als ich mich dann scheiden ließ und eine sehr schwierige Zeit hatte, waren viele Österreicher sehr nett zu mir. Vor 18 Jahren habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Seitdem fühle ich mich hier zuhause, denn er gibt mir Geborgenheit und Liebe. Ich bin gerne in Österreich und sehr dankbar für alles was ich hier bekommen habe: meine Kinder, meine Enkelkinder, meinen Schwiegersohn, meinen Mann, meine Arbeit, die Möglichkeit mich in meinem Beruf weiterzubilden. Und doch ist es schwer, das eigene Land aufzugeben, dort liegen mein Herz und meine Wurzeln und ich weiß, dass ich hier nie so glücklich werden kann wie eine Einheimische.

  • MIROSLAV PRSTOJEVIC, Inhaber der Buchhandlung Knijizara-Galerie „ Mi“

    Ich bin in Trebinje im heutigen Bosnien Herzegowina geboren und habe als Kind in ganz Jugoslawien gelebt, weil mein Vater Offizier war. Am längsten war ich in Sarajewo, wo ich Jus studiert und als Journalist gearbeitet habe. Dann kam der Krieg. Ich habe diese Zeit in Fotos und Manuskripten festgehalten und ein Buch daraus gemacht. Dante meinte, die Hölle hat neun Kreise, ich kann Ihnen sagen, der Krieg hat mehr. Wir haben versucht ein nornales Leben zu leben, soweit es möglich war, schon alleine aus Protest gegen den Barbarismus. Ende 1993 bin ich mit Hilfe des ORF nach Wien geflüchtet. Meine Frau, die Rechtsanwältin war, hat eine Stelle als Juristin gefunden, nachdem sie sich geweigert hatte, sich als Reinigungskraft zu bewerben, wie es das AMS vorgeschlagen hat. Hierher zu kommen war für mich vergleichsweise einfach, weil meine Frau Arbeit hatte und wir uns in einem intellektuellen Kreis aus Ex-Jugoslawien austauschen konnten. In Wien gab es Wasser, Heizung, Licht und keine Toten, das war wie im Traum für mich. Heute haben wir zwei Heimaten. Wir zehren von der positiven Energie Sarajewos. Die Menschen dort sind optimistisch und freundlich, trotz ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Und Wien ist schön, wir haben viele Freunde und genießen das Kulturleben.

  • LIESBETH CAESTECKER, Inhaberin des Modegeschäfts „Bloempje – fashion for kids“

    Ich bin in Antwerpen in Belgien geboren und habe dort als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Das ist ein sehr anstrengender Beruf mit viel Verantwortung. Nach ein paar Jahren Arbeit bin ich als Au Pair Mädchen nach Wien gegangen um zu pausieren. Hier habe ich mich in einen Österreicher verliebt und bin geblieben. Es war ein herrlich freies und unkonventionelles Leben, ganz anders als in Belgien, wo alle früh heiraten, Haus bauen und Kinder kriegen. Überhaupt ist dort alles so ordentlich, ich habe mich in Wien viel wohler gefühlt. Als ich ein paar Jahre später mit meinem Freund nach Belgien gegangen bin, hatten wir beide große Sehnsucht nach Wien und sind bald zurückgekehrt. Nach einigen Jahren als Kinderkrankenschwester sind mir die große Verantwortung und die ausgeprägte Hierarchie in meiner Arbeit zu viel geworden. Ich habe gekündigt und ein Label für Kindergewand gegründet. Jetzt führe ich ein Geschäft für Kinder und Damenmode mit fair produzierten Stoffen. Wien ist meine Heimat und doch habe ich viel aus Belgien hierher mitgebracht. Belgien ist ein Mode- und Genussland, das beeinflusst die Auswahl meiner Ware und die Einrichtung meines Geschäfts. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig die Österreicher über Belgien wissen. Ich werde nicht Österreicherin werden, obwohl ich schon seit 26 Jahren mit meinem Freund hier lebe. Wir sind in Europa, das reicht. Es ärgert mich nur, dass ich hier nicht wählen kann. Ich finde man sollte dort wählen, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat. Ich möchte mitentscheiden dürfen, was mit meinem Steuergeld passiert.

  • JOSHUA GRIGSBY, Stadtforscher

    Ich bin in Boston, Massachusetts geboren und habe bis heute an 35 verschiedenen Orten in den USA und Europa gelebt. Ich bin privilegiert, weil ich als Amerikaner fast überall willkommen bin und ich durch die Globalisierung auf der ganzen Welt Vertrautes finde. Einzig und allein in Japan habe ich mich so fremd gefühlt und eingeschüchtert, dass ich lieber die Fertiggerichte aus den Geschäften gekauft habe, als Essen zu gehen. Und auch dort war ich freiwillig, hatte Geld und ein Dach über dem Kopf. Wenn jemand alles aufgeben muss, nicht gewohnt ist zu reisen und womöglich nicht sehr gebildet, sind die Herausforderungen wohl größer als es sich die meisten unter uns vorstellen können.
    In Wien lebe ich seit fünf Jahren weil ich mich während meines Masterstudiums zur Stadtforschung in eine Kärntnerin verliebt habe. Ich mache hier mein Doktorat und unterrichte an der Universität. Das Wort Heimat existiert im Englischen nicht, ich hatte auch nie die Idee von Wurzeln, ich bin ein Wanderer. Wien ist der erste Ort an dem ich bleiben und Wurzeln schlagen möchte, es ist mehr mein Zuhause als jeder andere Ort. Das liegt wohl daran, dass ich hier etwas tue was ich gerne mache, mein Leben mit Menschen teile, die ich liebe und hier die Werte an die ich glaube, physisch erfahrbar sind. Wie die Tatsache, dass ich zu Fuß gehen kann und es viele öffentliche Plätze gibt. Auch Menschen mit wenig Macht, wie zum Beispiel Fußgänger, haben ihren Platz. Die Ungleichheit zwischen Menschen scheint mir hier geringer zu sein als in den Vereinigten Staaten. Allerdings befürchte ich, dass dieser goldene Moment endet. Und der Grund dafür ist nicht die Migration, sondern die ungeregelte Wirtschaft, dadurch werden Wohnen, Ausbildung, Gesundheit immer elitärer und ungleicher.

  • GRESHMA PALLIKUNNEL, Studentin in den Fächern Entrepreneurship und applied management

    Meine Eltern stammen aus Kerala in Indien und sind als junges Paar nach Wien gekommen, ich bin hier geboren. Meine Mutter hat schnell Arbeit gefunden und mein Vater hat mit seinem Bruder das Kaufhaus Prosi gegründet. In meiner Volksschule gab es einige andere Inder und ich habe mich nie diskriminiert gefühlt. Auf der HAK waren zwar alle freundlich, aber ich glaube als Österreicherin wären meine Fähigkeiten und Talente schneller wahrgenommen worden. In der fünften Klasse wurde ich zur Klassensprecherin gewählt, das wäre vorher nicht möglich gewesen. Es gab eine Deutschlehrerin, die mich schlecht behandelt hat, da haben sich meine Mitschüler für mich eingesetzt. Deutsch ist meine erste Sprache, Malayalam meine Muttersprache. Ich bin Christin und habe mich immer für sehr österreichisch gehalten, aber im Laufe der Zeit habe ich entdeckt, dass ich doch auch sehr indisch sozialisiert bin. Ich liebe die Filme, das Essen, die Feiern, das Familienbezogene in unserer Kultur. Es ist viel wichtiger, etwas für die Familie zu erreichen, als für sich selbst. Deshalb läuft auch unser Familienunternehmen so gut. Auf der einen Seite will ich unabhängig sein und auf der anderen Seite muss ich meine Familie voran stellen. Das ist manchmal ein Zwiespalt. Ich denke, dass ich durch meine Herkunft in mancher Hinsicht traditioneller bin als viele Österreicher. Und doch fühle ich mich mit meiner indischen Kultur in Österreich viel mehr zu Hause als in Indien.

  • MAXIMILIAN BRATT, Geiger

    Ich bin klassischer Geiger und stamme aus Stockholm. Mein Vater ist Schwede und meine Mutter Polin. Ich habe in London Musik studiert und bin 2002 nach Wien gezogen. Heute ist Wien mein Zuhause, denn für mich bilden immer die Menschen um mich herum das Gefühl von Zuhause. In Wien herrscht eine einzigartige Konzentration an Musikern und diese Gemeinschaft ist für mich eine Form von Zuhause. Untertags unterrichte ich oder übe, und nach dem Konzert gehen wir Musiker miteinander fort. Die Heimat sind die Kollegen, in ihnen erkenne ich mich wieder. Ich habe das Glück, dass Schweden für die Österreicher eine Art Vorbild im Sozialen ist und so sind sie im Allgemeinen sehr freundlich zu mir. Doch es gibt eine sehr klare Sprachbarriere. In dem Moment wo ich den Mund aufmache, werde ich kategorisiert, obwohl ich sehr gut Deutsch spreche. Österreicher würde ich nicht werden wollen, ich bin als Schwede in Österreich glücklich.

  • SEVGI KIRCIL, Pressesprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich

    Mein Vater kam mit 17 Jahren als Gastarbeiter hierher und zwei Jahre später folgte ihm meine Mutter. Sie kannten sich aus ihrem Heimatdorf. Ich bin in Wien geboren und habe mich als Kind nie als Ausländerin wahrgenommen. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass ich doch nicht gleichwertig behandelt wurde. Ich war fleißig und hatte gute Noten und obwohl meine Eltern wollten, dass ich ins Gymnasium gehe, meinten alle Lehrer, dass ich das nicht schaffen würde. Nicht wegen meiner Leistungen, sondern weil ich Türkin, mein Vater LKW-Fahrer und meine Mutter Putzfrau war. Das hat gereicht um mich trotz meiner Leistungen für dumm zu halten. Dieses Schicksal teile ich mit vielen Migranten. Dann bin ich in eine HTL für Chemie gegangen, habe mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen und anschließend bei Böhr Ingelheim als Chemikerin gearbeitet. Ich war immer ein eher stiller Mensch und habe viel beobachtet. Mich interessiert, wie menschliche Beziehungen funktionieren und wie Verbesserungen möglich sind. Mit 27 Jahren habe ich ein Soziologie- und Psychologiestudium angefangen und mit gutem Erfolg abgeschlossen. Über diese Entscheidung bin ich froh, dieser Beruf liegt mir sehr. Für mich ist Heimat jeder Ort, in dem ich mich zugehörig und willkommen fühle. Das hängt in keiner Weise mit meinem Herkunftsland zusammen. Ich fühle mich hier wie dort manchmal fremd.

  • SBY DABROWSKI, Geschäftsführer von E35

    Ich bin in Lodz in Polen geboren. Das war damals ein Schmelztiegel der Kulturen: Juden, Moslems, Katholiken, Protestanten und Orthodoxe, sie wurden alle auf demselben Friedhof begraben. Mein Vater war jüdisch, meine Mutter vielleicht auch, aber ich weiß es bis heute nicht. Sie hat nie darüber gesprochen, sie hatte Angst, die Herkunft durfte nie ein Thema sein. Wir hatten starke Verbindungen nach Italien, obwohl ich auch darüber nichts Genaues weiß. Meine Mutter hat zum Beispiel immer Brot mit Weintrauben gegessen, das ist typisch friaulisch. Das lag wohl in ihren Genen. Ich bin zwischen Polen und Italien aufgewachsen. Als in den 60er Jahren in Polen der Chauvinismus so stark aufkam, bin ich nach Italien gegangen, dort fühle ich mich zuhause. Meine Bildung und meine Mentalität sind italienisch. Außerdem ist die Kultur sehr regional, es gibt keinen ausgeprägten Patriotismus, das liegt mir. Ich fühle mich heute als Bewohner von Neubau, nicht als Wiener. Eigentlich noch mehr als Bewohner der Schottenfeldgasse. Wien kenne ich ehrlich gesagt kaum. Ich sitze in meinem Geschäft und sehe seit Jahren Menschen hier vorbei gehen. Manche lerne ich kennen, das ist meine Welt, die ganz natürlich entstanden ist. Bindungen entstehen da, wo ich arbeite. Ich glaube an persönliche Beziehungen und erlebe das auch in meiner Arbeit.

  • CAROLINA GORRIZ DE LA CALLE

    Ich bin in Madrid geboren und habe dort Modedesign studiert und am Theater gearbeitet, Kostüme entworfen .Vor 15 Jahren habe ich ein Wochenende in Wien verbracht, habe mich verliebt und bin hier her gezogen. Ich habe als Verkäuferin bei einer spanischen Modekette gearbeitet. Das war ein Crash Kurs in Deutsch und im Verstehen der österreichischen Kultur. Ich empfinde die Österreicher als viel distanzierter als die Spanier, aber wenn sie sich einmal entschließen Kontakt aufzunehmen, dann bedeutet das auch ein wirkliches Interesse ihrerseits. Wobei ich nicht generalisieren möcht, es geht immer um die einzelne Person. Ich war einige Zeit arbeitslos und bin dadurch wieder zu meinen kreativen Wurzeln zurückgekehrt. Ich habe angefangen zu malen und Puppen zu nähen und habe vor eineinhalb Jahren habe mein Geschäft eröffnet. Mein Freund ist Wiener, in Spanien habe ich kaum Familie, ich denke, dass ich in absehbarer Zeit hier bleiben werde. Wien ist für mich wie ein Dorf im guten Sinne. Die Menschen sind erstaunt, dass es Korruption gibt unter den Politikern, in Spanien wundert das leider niemanden mehr. Durch die Franco Diktatur ist Spanien, zumindest am Land sehr konservativ geblieben. Bis vor kurzem war eine Scheidung oder das Zusammenleben ohne Trauschein noch eine Schande, auf der anderen Seite sind sie kommunikativer als die Österreicher. Ich bin stolz Spanierin zu sein, aber ich bin ein Gast und passe mich an wo ich soll und kann und behalte mir meine Eigenheiten. Auch Deutsch zu lernen sehe ich als eine Form des Respekts. Ich bin hier weil ich will, nicht weil ich muss. Wenn es mir nicht mehr gefällt, packe ich meine Koffer und fahre.

  • NASR ABU SROOR, Betreiber der Pizzeria Oscar

    Ich bin 2001, als die Lage in Palästina immer gefährlicher wurde, nach Österreich gekommen. In Baden habe ich kochen gelernt und bei einem Landsmann gearbeitet. Das war sehr angenehm und ich hatte dort bald auch viele österreichische Freunde. Vor sechs Jahren bin ich nach Wien gezogen, aber hier habe ich noch kaum Österreicher kennen gelernt. Das war auf dem Land leichter.
    2011 habe ich um die Staatsbürgerschaft angesucht, denn meine Frau, unsere zwei Kinder und ich haben zwar einen Pass, aber wir sind als Palästinenser staatenlos, weil unser Land nicht anerkannt wird. Ich fahre ungefähr alle zwei Jahre nach Palästina zu Besuch. Ich freue mich dort zu sein, aber nach 17 Jahren in Österreich fühle ich mich hier zuhause. Sowohl die europäische als auch die arabische Kultur haben ihre Vor- und Nachteile. In der arabischen Kultur sind die Familienbande viel enger, das mag ich. Auf der anderen Seite ist alles viel zu sehr mit der Religion vermischt. Wir leben dort wie im Mittelalter in Europa. Der Prediger ist die Instanz schlechthin. Aber Gott hat mir ein Gehirn gegeben zum Denken, deshalb glaube ich nicht alles, was ein Prediger sagt. Es gibt auch zu viele Analphabeten in den arabischen Ländern, auch das stört mich. Wenn ich nach Palästina fahre, dann fühle ich mich 200 Jahre in der Zeit zurückgeworfen. In Wien lebe ich in meiner Zeit, das ist Zuhause für mich.

  • DEMET SAYIN, Rote Kreuz Mitarbeiterin, Halalbeauftragte des IGGÖ

    Ich bin mit meinen Eltern als Kind aus der Türkei hergekommen. Ich hatte es als Ausländerin sehr schwer in der Schule, obwohl die Lehrerinnen lieb zu mir waren und ich eine gute Schülerin war. Aber meine Mitschüler haben mich schlecht behandelt. Ich konnte die Sprache noch nicht gut und ich war sehr schüchtern. Nach der Schule habe ich eine Lehre als Einzelhandelskauffrau gemacht und mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen. Nach drei Jahren Arbeit habe ich die Ausbildung zur Ordinationsassistentin gemacht. Damals habe ich beschlossen, das Kopftuch zu tragen und fünf Mal am Tag zu beten, weil ich nach meiner Religion leben will. Und obwohl ich in einer christlichen Schule war, waren meine Mitschüler total nett zu mir. Sie haben sogar ihre Pausenzeiten mit meinen Betzeiten abgesprochen. Das hat mich sehr gefreut. Doch die Arbeitssuche danach war hart. Ich habe meine Bewerbungen immer ohne Foto abgeschickt und bin wegen meiner guten Zeugnisse oft zu Vorstellungsgesprächen eingeladen worden, aber kaum habe ich gesagt, dass ich mit Kopftuch arbeiten will, war es auch schon vorbei und ich habe eine Absage bekommen. Ich habe oft geweint in der Zeit, aber ich habe es gegen den Rat meiner Mutter durchgezogen. In unserer Religion ist Geduld und Hoffnung wichtig, daran habe ich fest gehalten. Nach eineinhalb Jahren Suche habe ich beim Roten Kreuz eine Stelle als medizinische Hilfskraft bekommen. Ich bin so glücklich mit meiner Arbeit. Ich liebe Wien und fühle mich hier zuhause. Ich freue mich auch, wenn Türken unsere Stadt besuchen und sich für Wien interessieren. Ich bin sehr menschenbezogen, schon ein Lächeln freut mich. Ich fühle mich da zuhause, wo meine Familie ist und wo ich gute Freunde und Arbeitskollegen habe. Ich mag die Kirche hier im Siebenten sehr, ich hätte auch gerne eine schöne Moschee die zentral gelegen ist.

  • ARPAD MESZAROS, Ledergalanterist und Leiter der zentralen Lederwerkstätte der Angewandten

    Mein Vater stammt aus Ungarn, meine Mutter ist Deutsche aus Schlesien, ich selbst bin während des Zweiten Weltkrieges in Polen geboren und habe meine ersten Lebensjahre in Wien verbracht. Meine Großmutter hat hier gelebt. Nach dem Krieg hat sich mein Vater selbstständig gemacht und wir sind nach Budapest zurückgekehrt. Mein Vater ist aber dann von den Kommunisten enteignet worden und da mein Bruder als Sohn eines ehemaligen freiwilligen Offiziers nicht studieren durfte, sind wir wieder nach Österreich zurück. Wir sind bis Györ mit dem Zug gefahren und dann immer in der Nacht zu Fuß weiter gegangen. Ich war damals zwölf, mein Bruder 14 Jahre alt. Zum Glück haben uns die ungarischen Soldaten erwischt, bevor wir über das verminte Feld gegangen sind. Mein Vater musste vier Jahre ins Gefängnis und meine Mutter ging in die Fabrik arbeiten, um uns durchzubringen. Als 1956 die Revolution von den Russen niedergewalzt wurde, sind wir endgültig nach Wien geflohen. Wir hatten einen Ausweis als staatenlose Flüchtlinge und Freifahrscheine für die ganze Stadt, aber es war mir so peinlich, meinen Ausweis herzuzeigen, dass ich lieber kilometerlange Fußstrecken auf mich genommen habe. Ich fing dann, eher zufällig eine Lehre als Ledergalanteriewarenerzeuger an. Ich habe nie Heimweh nach Ungarn gehabt und doch fühle ich mich nicht als Österreicher, obwohl ich seit 1961 die Staatsbürgerschaft habe. Ich bin ein Europäer und fühle mich in Wien am wohlsten.

  • LOUISE KNOF, Schauspielerin und Verkäuferin bei der Bäckerei Felzl

    Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach der Matura habe ich mich bei verschiedenen Schauspielschulen beworben und bin vor acht Jahren am Konservatorium Wien (heute MUK Wien) aufgenommen worden. Da die Auftragslage nicht gerade einfach ist, arbeite ich neben der Schauspielerei seit zehn Monaten hier in der Bäckerei. Mittlerweile mag ich Wien. Das war am Anfang nicht so. Die Berliner sind viel direkter und man weiß woran man ist, während die Kommunikation unter Wienern viel komplizierter ist, als sie sein müsste. Mittlerweile kenne ich viele Österreicher und sie haben mir ihr Wien gezeigt, abseits von den touristischen Anziehungspunkten. Heute, wenn mir jemand sagt, „es passt schon“, und ich spüre, dass dem nicht so ist, frage ich freundlich nach. Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl hier und kann mir vorstellen hier zu bleiben und zu arbeiten, so lange ich nicht wo anders ein Engagement bekomme. Wien ist wie ein Hafen für mich. Ich habe Freunde aus Deutschland, Österreich, Polen, Amerika, Tunesien und Südamerika und weiß schon gut über mein neues Land Bescheid. Es stört mich allerdings sehr, dass ich nicht wählen darf. Ich setze mich mit Österreich auseinander und zahle hier meine Steuern. Ich finde es ist die Pflicht eines jeden zu wählen und sich für unsere Demokratie einzusetzen. Nicht wählen zu können ist eine Form der Entmündigung und verhindert die Integration. Wien bezeichnet sich als Weltstadt, aber wenn es um Politik geht, ist Wien ein Schrebergartendorf. Wieso sollte man nicht da wählen wo man lebt oder eine Doppelstaatsbürgerschaft haben? Das hat Berlin wahrlich Wien voraus, dort wird Internationalität als Bereicherung gelebt, nicht als Hindernis.

  • KADIR GÜNDÜK, Besitzer des Nazim Hikmet Kultur Kaffees.

    Ich bin in Bingöl in der Türkei geboren und Kurde.
    2012 bin ich nach Wien gekommen und habe als Kellner und Kebabverkäufer gearbeitet. Zwei Jahre lang habe ich intensiv Deutsch gelernt und 2014 mein eigenes Lokal eröffnet. In Wien fühle ich mich daheim, weil hier wirkliche Freiheit herrscht. Du kannst deine Meinung sagen, mit Menschen offen reden ohne Angst zu haben. Natürlich gibt es auch Ausländerfeindlichkeit, aber das Offene und die Freiheit überwiegen bei weitem. Um sich in einem fremden Land heimisch zu fühlen, ist es wichtig die Kultur, die Sprache und den Lebensstil der Menschen zu verstehen. In meinen Jahren als Kellner habe ich viel beobachtet und einiges verstanden. In dieser Zeit habe ich auch österreichische Freunde und Freundinnen gewonnen. Der 7. Bezirk ist für mich etwas Besonderes, die Menschen hier scheinen mir noch offener zu sein als anderswo in Wien. Ich bin froh, hier zu sein.

  • DIANA JANK, Gelernte Bürokauffrau, Büroangestellte im Haus Neubau

    Meine Mutter ist mit ihrer Familie mit zwölf Jahren aus Serbien nach Wien gekommen. Auch mein Vater stammt aus der Vojvodina, wo viele Menschen Ungarisch, Serbokroatisch und Russisch sprechen. Meine Eltern sind dadurch schon als Kinder mit vielen Kulturen und Sprachen aufgewachsen und haben sehr schnell Deutsch gelernt und sich angepasst. Sie sind hierhergekommen, damit wir Kinder es einmal leichter und besser haben im Leben als ihre Eltern. Aus diesem Grund haben sie alles akzeptiert und angenommen, auch wenn es ihnen fremd war. Wir durften zuhause nur Deutsch sprechen, da war mein Vater sehr streng. Nur mit meinen Großeltern habe ich immer Ungarisch geredet, das war ja meine Muttersprache. Ich habe mich immer als Österreicherin gefühlt und meine Mitschüler und Nachbarn waren nett zu mir. Das ging so weit, dass es mir peinlich war, wenn meine Großeltern mich von der Schule abgeholt haben und die ungarische Volksmusik aus ihrem Wagen gedröhnt hat. Von Anfang an war Wien meine Heimat. Ich glaube, das hat nicht nur damit zu tun, dass ich hier geboren bin, sondern auch viel mit der Offenheit meiner Eltern für die neue Kultur und Sprache. Heimat ist da, wo man angenommen wird, wo die Familie ist, wo man die Sprache spricht, auch wenn die Herkunft woanders ist und nach wie vor als solche empfunden wird.


  • BEN DAGAN, Politikwissenschaftler

    Ich bin in Ramat Gan in Israel geboren und als kleines Kind mit meiner Mutter in Ihren Herkunftsort in Tirol zurückgezogen. In Wien habe ich Politikwissenschaft studiert und anschließend ein Fellowship in Israel gemacht, danach war ich zwei Jahre in Paris. Diese Zeit war prägend für mich. Ich habe eine Art von Grundoptimismus daraus gezogen, auch der österreichische Neid ist mir fremd. In Österreich, scheint mir, vertraut man auf Autoritäten wenn Probleme auftauchen, während in Israel kreative und unkonventionelle Lösungen geschätzt werden. Auch der Schritt von der Vorstellung zur Umsetzung ist woanders ein wesentlich direkterer und weniger durch Hierarchien behindert als in Österreich. Mir selbst fehlt auch der österreichische Jargon der Verhaberung. Was ich in Wien schätze ist die angenehme Langeweile. Ich habe zu dieser Stadt eine emotionale Bindung, die über die Jahre und die Distanz geprägt ist – wobei mir das Wichtigste der Flair eines Ortes und Umfeld ist. Ich mag Neubau sehr, es ist wahrscheinlich der progressivste Bezirk Österreichs. Auch im 20. Bezirk habe ich früher gerne gewohnt – ich mag die Stimmung dort. Wahrscheinlich weil ich seit meiner Kindheit mit Alltagsrassismus konfrontiert bin, sind für mich progressive oder vielfältige Orte Anziehungspunkte in einer Stadt. Es ist meine Überzeugung, dass es auf die Persönlichkeit ankommt. Stereotypen, welcher Art auch immer, engen von außen und von innen ein und geben dadurch eine falsche Sicherheit in unserer komplexen Welt. Ich habe gelernt mit dieser Komplexität zu leben und versuche mir nicht mit Schubladendenken die Welt zu vereinfachen.

  • ENATE FLORIC, Pensionistin in Neubau, davor Taxilenkerin

    Ich bin in Bad Hofgastein geboren, woher meine Mutter stammt. Mein Vater war ein amerikanischer Besatzungssoldat aus Mexiko, er hieß David Ramon. Meine Mutter kommt aus einer sehr katholischen Familie und ein lediges Kind zu bekommen war für sie sehr schwierig. Ihre Eltern hatten kein Verständnis für sie und sie wurde im Dorf schief angeschaut. Ich bin die ersten zwei Jahre bei meinem Großvater aufgewachsen, dann hat es meine Mutter nicht mehr ausgehalten und ist mit mir nach Wien gezogen. Als ich sechs Jahre alt war, hat sie mich in ein katholisches Internat gegeben. Ich habe nie erlebt, was Zuhause und Geborgenheit bedeuten. Meine Hautfarbe war etwas dünkler als die meiner Mitschülerinnen und wir hatten eine sehr rassistische Schwester im Internat, die mich immer wieder vor allen Schülern gedemütigt hat. Ich war sehr schüchtern und konnte mich nicht wehren, ich wusste nicht, was sie gegen mich hatte. Ich war immer eine Außenseiterin, so sehr ich mich auch bemüht habe und habe mich in Österreich nie wirklich zugehörig gefühlt, obwohl ich mich als Österreicherin empfinde. Als Kind wollte ich Tierärztin werden, aber das Gymnasium hat mir schon wegen meiner Hautfarbe keiner zugetraut. Ich denke, dass ich durch die vielen Ungerechtigkeiten, die mir wiederfahren sind, mehr Mitgefühl und Toleranz gegenüber anderen Menschen habe. Für mich ist Heimat ein Ort an dem ich mich sicher fühle und nicht angefeindet werde. Ruhe, Natur und Stille sind mir wichtig, deshalb liebe ich unseren Innenhof mit dem plätschernden Brunnen. Ich bin viel zu Fuß unterwegs im Siebenten, ich mag die vielen kleinen Geschäfte, das bunte Treiben.

  • FLORIAN WAGNER, Goldschmied, Inhaber der Galerie MANA

    Ich habe bis zu meinem zehnten Lebensjahr in Berlin gelebt, weil mein Vater von dort stammt, und anschließend sechs Jahre in Linz, der Heimatstadt meiner Mutter. Linz war mir schon davor durch die Großeltern vertraut. Mit 17 bin ich dann nach Berlin gezogen um eine Lehre als Goldschmied zu machen. Dort war alles ganz anders, ich war nicht heimisch, aber dafür frei. Die 68er waren voll im Gange, das war aufregend und hat mich geprägt. Wir haben uns mit Fragen der antiautoritären Erziehung auseinandergesetzt, Haschisch war ein Thema. Es war sehr schwierig für mich, als ich dann mit 24 nach Wien gegangen bin. Wien schien mir feindlich und grau. Fuß gefasst habe ich durch das Wirtshaus bei mir ums Eck im 15. Bezirk. Ich habe in Neubau eine Galerie für die Off Szene gegründet. Das war damals eine der wenigen Alternativen zu den großen arrivierten Galerien und ich konnte viel von dem einbringen, was ich in Berlin gelernt und erlebt habe. Parallel dazu wuchs die gesellschaftliche Akzeptanz. Heute fühle ich mich als Österreicher obwohl ich noch einen deutschen Pass habe. Ich denke eigentlich herzlich wenig darüber nach. Mit meiner Galerie und meinem Konzertprogramm bin ich hauptsächlich in Neubau engagiert und fühle mich dadurch im Bezirk zuhause.

  • EWA F., Facharbeiterin in der Posamentiererzeugung Maurer

    Ich bin in Posen geboren und habe dort die HTL für Maschinenbau absolviert und gearbeitet. In den 80er Jahren habe ich mich in einen Österreicher verliebt, wir haben geheiratet und ich bin mit ihm nach Wien gezogen. Ich habe kein Deutsch gesprochen, hatte Heimweh und bin viel in die polnische Kirche gegangen. Dort habe ich meine ersten Freundschaften geschlossen. Die Fremdenpolizei ist oft zu uns nach Hause gekommen, weil sie dachten, wir führen eine Scheinehe. Das war schrecklich, zum Glück war mein Mann immer da. Am Sonntag kamen sie sogar in die Kirche kontrollieren. Traurig, man glaubt es kaum. Wir waren die „Bösen Fremden von hinter dem Eisernen Vorhang“. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass man Flüchtlingen helfen muss. Aber man muss ihnen auch erklären, dass man sich als Gast verhalten und sich an Regeln halten muss. Die Österreicher selber waren eigentlich sehr nett und hilfsbereit. Ich habe angefangen in einer Bandfabrik zu arbeiten und als der Chef in Pension gegangen ist, hat er mich hierher vermittelt. Seit 27 Jahren arbeite ich nun schon bei der Firma Maurer. Heute habe ich Freunde aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Polen und Österreich. Ich bin Österreicherin und fühle mich hier zuhause. Was mich nur stört ist dass, die Österreicher viel weniger familienbezogen sind als die Polen.