• Fremd in 1120

    Ausstellungsserie: Fremd bin ich gekommen

    WIch möchte daran erinnern, dass Wien, wie alle Städte dieser Welt, durch Migration entstanden ist und sich durch Migration weiter entwickelt. Im 16. Jahrhundert verglich der Dichter Wolfgang Schmeltzl Wien wegen seines Sprachengewirrs mit dem biblischen Babel. Wiens Architektur, die Speisen, die Kunst, die Wissenschaft, sind durch die Symbiose von alt und neu, fremd und vertraut entstanden.

    Heute hat rund die Hälfte der Wiener Migrationshintergrund, weniger als vor 150 Jahren. Wien erlebte immer wieder größere Einwanderungswellen. 1956 kamen während der Niederschlagung des Ungarnaufstands durch die Sowjets 180.000 Flüchtlinge nach Wien. In den 60er Jahren wanderten rund 265.000 Menschen aus der Türkei und Jugoslawien nach Österreich ein und trugen mit ihrer Arbeit viel zum österreichischen Konjunkturaufschwung bei. Viele von ihnen ließen sich in Wien nieder. Als im Jahr 2015 die ersten Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan eintrafen, stellten 88.000 Menschen in Wien einen Asylantrag. 2017 waren es nur mehr rund 15.000.

    Diese Zahl ist im Vergleich zu anderen Flüchtlingswellen überschaubar, doch die Aus­länderfeindlichkeit nimmt heute sowohl in den Medien als auch in der Politik einen immer hetzerischeren Ton an. Das ist eine bedrohliche Entwicklung, denn die größten Gräueltaten der Geschichte begannen mit der Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen und endeten im Zweiten Weltkrieg mit dem Mord an sechs Millionen Juden und Roma. Unter den Opfern wie unter den Tätern waren viele Wiener.

    Ich habe in meinen Streifzügen durch Meidling den Bezirk als im besten Sinne groß­städtisch erlebt, mit einer freundlichen Bevölkerung, die aus vielen Ländern hierher kam. Kein schlechter Aufstieg für einen Bezirk, der 1892 aus der Zusammenlegung verschiedener Dörfer entstanden ist. Ich lade Sie ein: lernen wir die sogenannten Fremden, die alten und die neuen, in unserem Bezirk kennen. Helfen wir mit, dass Wien eine lebendige, freie und sich weiter entwickelnde Stadt bleibt. Lassen wir uns nicht gegeneinander stellen, wir sind alle Menschen.

  • ABD A. MASOUD, Künstler, Leiter des Vienna Calligraphy Center

    Ich stamme aus Jordanien und bin aus purer Abenteuer­lust zum Studieren nach Wien gekommen. Hier habe ich sehr bald meine Frau Helga kennen gelernt. Der Anfang ist schwierig gewesen für mich denn ich habe schlecht Deutsch gesprochen und als Einwanderer bist du auf dich alleine gestellt. Ich habe alles verlassen, meine Umgebung, meine Kultur, meine Sprache, alles. Das kostet emotionale Kraft. Ohne Helga wäre ich nicht hier geblieben. Wir sind einander Familie, das gibt uns Halt. Ich werde immer Jordanier bleiben und bin gleichzeitig gut integriert. Ich ärgere mich, wenn Leute schlecht über Österreich reden und nicht wertschätzen, wie gut es uns hier geht. Helga und ich verreisen gerne, aber egal wie schön das Ausland ist, unsere Heimat ist Meidling. Vielleicht gibt es einmal einen nächsten Schritt woanders hin. Der Ort ist nicht wichtig, wichtig ist nur, dass wir glücklich sind. Ich bin überzeugt, dass Loslassen alles viel leichter macht. Wenn die Zeit kommt und das Schicksal es will, werde ich mich nicht sträuben.

  • ANA PLAVCIC, Änderungsschneiderin in Pension

    Ich stamme aus Bosnien Herzegowina und bin 1973 mit meinem Mann auf Flitterwochen nach Wien gefahren. Es hat uns so gut gefallen, dass wir am dritten Tag beschlossen haben zu bleiben. Zwei Tage später habe ich Arbeit gefunden. Wir haben in unserer Freizeit Wien besichtigt und am Abend Deutsch gelernt. Ich habe nie schlechte Erfahrungen mit Österreichern gemacht und bin heute noch mit meinen ehemaligen Arbeitskolleginnen befreundet. Ich bin Mitglied bei einigen kirchlichen Vereinen und verreise oft. Mein einziger Luxus ist, dass ich gerne verreise. Ich genieße meine Freiheit und kann tun und lassen was ich will ohne jemanden zu fragen. Seit 45 Jahren lebe ich hier, ich kenne alle, ich gehöre hierher. Wenn ich in Bosnien bin, vermisse ich meine Zeitschriften und die deutsche Sprache. In Wien habe ich serbische, bosnische, mazedonische, albanische und österreichische Freunde. Für mich ist jede Nationalität gleich viel wert.

  • ANNA HAHN, Chemikerin und Badewärterin im Theresienbad

    Ich bin in der heutigen Slowakei geboren und habe dort als Chemikerin gearbeitet. Dort bin ich allein­erziehende Mutter gewesen, ohne Alimente und Kindebeihilfe zu beziehen und habe mich entschieden nach Österreich zu gehen und meine Tochter bei meiner Mutter zu lassen. Ich bin nicht gerne gekom­men. In der Slowakei war ich jemand, hier war ich niemand aber ich habe keine Wahl gehabt. Als Frau alleine ist es hier sehr schwer gewesen. Ich bin oft hinein gelegt worden bei Mietverträgen und Bezahlung und konnte mich ohne gutes Deutsch nicht wehren. 1998 als ich meinen Mann kennen gelernt habe und meine Tochter hergezogen ist, hat Österreich auf­ge­hört eine Notlösung zu sein. Wir sind eine richtige Familie und mein Mann ist der beste Mensch der Welt. Heimat ist für mich da, wo Frieden ist und kein Hass, wo gute Menschen leben und meine Familie ist. Ich brauche keinen Porsche um glücklich zu sein, nur physische und psychische Ruhe. Das habe ich hier gefunden und mein Chef im Theresienbad ist aus Gold.

  • ANNA PUTZ, Diplomierte Hotelkauffrau, Inhaberin des Marktstandes „Bei Anna“ am Meidlinger Markt

    Meine Kindheit und Jugend habe ich pendelnd zwischen Paris und Wien verbracht. Meine Eltern sind getrennt und jede Abreise hat Abschied und Trauer bedeutet. Aufgefangen haben mich meine französi­schen Großeltern. Meine Großmutter war polnische Jüdin, ihr erster Mann und ihre zehn Geschwister sind im Holocaust umgebracht worden. Dieses Thema ist in der Familie tabu gewesen. Sie hat das Leben und das feine Essen geschätzt und mir dadurch viel für meinen Beruf mitgegeben. In meinem Leben hat es viel Abschied und Sehnsucht gegeben. Es fehlt mir untergründig immer etwas, auch wenn alles gut läuft. Darum verstehe ich, wie es Ausländern geht, die nicht gut Deutsch können und in Wien nicht heimisch sind. Ich erlebe sie hier am Markt als besonders fleißig und zielstrebig, als ob sie sich damit eine Berechtigung zum Hiersein schaffen könnten. Mir geht es auch so. Ein eigenes Geschäft zu haben ist ein Traum gewesen, der mir schon mit 15 Jahren durch schwere Zeiten geholfen hat.

  • AREZU BAKHTIARI, Schülerin

    Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Afghanistan. Alle paar Monate sind die Taliban gekommen, haben die Häuser zerstört und das Vieh getötet. Ich war mit den Frauen in den Bergen versteckt, mein Onkel und mein Großvater sind getötet worden. Als ich zwölf Jahre alt war, sind wir zu Fuß geflüchtet, es war schlimm. Österreich ist eine neue Welt, hier bin ich das erste Mal zur Schule gegangen, Lernen bedeutet mir alles. Seit einem Jahr wohne ich in Wien. Ich bin froh, dass ich als Frau alleine auf die Straße gehen kann und frei bin. In Afghanistan ist das nicht möglich. Nach der Matura möchte ich Lehramt oder Wirtschaft studieren. Ich will den Frauen aus meiner Kultur zeigen, dass es möglich ist, selbstständig zu leben. Meine Mutter ist Analphabetin, ihr bedeutet es sehr viel, dass ich etwas lerne und unabhängig werde. Ich kann mir vorstellen eines Tages einen Österreicher zu heiraten, wenn er mich respektiert. Das Wichtigste unter Menschen ist der Respekt füreinander, egal woher man kommt und welcher Religion man angehört. An Afghanistan habe ich zu viele schlechte Erinnerungen, um jemals dorthin zurückzukehren.

  • CHUMA CEDRIC MAYER, Head of Marketing and Sales

    Ich bin in Vorarlberg am Land aufgewachsen, da lernst du Handschlagqualität und Gemeinschaftssinn. Vorarlberger sind Fremden gegenüber skeptisch, aber wenn du einmal dazugehörst, dann passt es. Hin und wieder bin ich von Fremden wegen meiner Hautfarbe angestänkert worden. Es ist mir unbegreiflich gewesen, dass mich Menschen abwerten, die keine Ahnung haben, wer ich bin. Heute sehe ich Rassismus als eine Möglichkeit, sich gegenüber anderen aufzuwerten weil man es braucht. Es ist wie Mobbing ein Zeichen von Schwäche. Als ich einmal nach Nigeria zu meinem Vater gefahren bin, hat er mir gesagt, dass ich außen schwarz aber innen weiß bin. Da habe ich verstanden, dass ich die Freiheit habe, mir meine eigenen Identi­fika­tionspunkte auszusuchen: meine Freunde, tolle Erlebnisse, schöne Begegnungen, meine Prinzipien­treue, das ist was mich ausmacht. Ich fühle mich als Vorarlberger, der in Wien lebt und eine andere Hautfarbe hat. Heimat ist ein Gefühl, es ist der Ort, an dem man seine Potentiale entfalten und in die Gesellschaft einbringen kann, ohne seine Grundwerte aufgeben zu müssen.

  • ELIZABETH HULL, Leiterin der Personalabteilung bei PWC

    Ich bin in Nordengland geboren und als Aupair nach Wien gekommen. Wien ist multikulturell, ich spreche gut Deutsch und schaue nicht ausländisch aus, deshalb ist meine Herkunft nie ein Thema gewesen. Wien ist Zuhause aber doch nicht ganz. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens hier verbracht und heirate nächstes Jahr einen Österreicher. An den Heiratsvor­bereitungen merke ich, wie verschieden unsere Tradit­ionen sind. Um dem gerecht zu werden, wird jeder von uns das Gelöbnis in seiner eigenen Sprache halten. In London leben so viele Menschen auf kleinem Raum da helfen Höflichkeit und Humor gut miteinander auszukommen. Ich will meine britische Staatsbürger­schaft nicht aufgeben, deshalb werde ich nicht Österreicherin. Meine Wurzeln sind mir wichtiger denn je. Vor kurzem ist meine Mutter gestorben und ich bin viel bei ihr gewesen. Für viele Migranten und Flüchtlinge ist das aus juridischen oder finanziellen Gründen unmöglich. Das hätte mir das Herz gebrochen.

  • FURAT, Elektriker, Schlosser und Bäcker am Meidlinger Markt

    Ich bin in Diyarbakir im Südosten der Türkei aufge­wachsen und habe als Elektrotechniker gearbeitet. 2008 bin ich nach Österreich gekommen, weil ich in einem anderen Land studieren wollte. Irgendwann fange ich wieder damit an. Man kann ja immer lernen. Ich mag alles hier, aber ohne deutsche Sprache geht es nicht. Als mir das Geld ausgegangen ist, habe ich beschlossen, Bäcker zu werden, weil jeder Mensch Brot braucht. Ich möchte in Österreich bleiben. Ich habe hier alles investiert, was ich besitze, mein ganzes Leben. Einmal hat mir ein Mann bei der Bushaltestelle zugerufen „Ausländer raus“. Ich habe ihm gesagt, dass ich den Bus nehme und heimfahre, da haben alle gelacht. Viele Menschen denken nicht darüber nach, was richtig oder falsch ist, sie glauben, was man ihnen erzählt. Wir denken, wir sind frei, aber solange es irgendwo Unfreiheit gibt, bin ich unfrei, denn wir sind alle miteinander verbunden. So sehr, dass jeder Mensch auf der Welt einem anderen ein Organ spenden und ihm das Leben retten kann.

  • MALICK NALIYE, Koch und Barkeeper im Mittendrin

    Ich habe im Senegal eine Schneiderei gehabt und oft für österreichische Kunden genäht. 1995 bin ich nach Wien gekommen, um hier eine Filiale zu eröffnen. Damals gab es wenige Schwarze in Österreich und ich bin immer wieder beschimpft worden. Ich habe das nicht verstanden, denn wir Menschen sind von unseren Müttern auf die Welt gebracht worden, aber geschaffen hat uns Gott. Niemand ist besser als der Andere, wir sind alle Menschen. Was wollen wir mit all den Kämpfen und dem Hass? Ich bin seit 25 Jahren in Österreich und habe zwei Kinder. Österreich ist mein Zuhause. Im Senegal wäre mein Leben einfacher und ruhiger. Wenn meine Kinder groß sind und ich in Pension bin, dann gehe ich dorthin zurück.

  • MARTIN TOMASZEWSKI, Klassischer Masseur und Sportmasseur

    Als in Polen 1981 das Kriegsrecht ausgerufen worden ist, ist meine Mutter nach Österreich geflüchtet. Mein Vater hat für Polen als Judoka an den olympischen Spielen 1980 in Moskau teilgenommen und ist auch geflohen. Sie haben sich hier kennengelernt. Ich schaue leicht asiatisch aus und habe viel Mobbing erlebt. Als Pubertierender war ich oft unsicher. Ich habe nicht gewusst, wo ich hingehöre. Das hat mich manchmal aggressiv gemacht und traurig. Die Identitätsfindung war für mich schwierig. Da hat es ein gebürtiger Österreicher leichter. Letztendlich habe ich mir das Beste aus beiden Kulturen heraus gepickt, das Kreative der Polen und das Organisierte der Österreicher. Mich interessiert das Thema Nation gar nicht. Ich definiere mich nicht über Staatsgrenzen, ich bin der Mensch der ich bin. Ich kann andersdenkende Menschen gut ver­stehen weil ich in zwei Kulturkreisen aufgewachsen bin. Viele Polen sind sehr religiös, ich bin es nicht, aber ich verstehe woher es kommt. Es bedeutet für die Gläubigen Hoffnung und Sicherheit.

  • MLADEN MIJATOVIĆ, Stellvertretender Leiter des Referates Minderheitenkontakte der Polizei Wien

    Als 1992 der Krieg in Jugoslawien begonnen hat, bin ich mit meiner Mutter aus Kroatien geflüchtet. Wir sind rein in den Zug und haben nicht gewusst wohin. Manche von uns sind nach Australien oder Kanada geschickt worden. Das hat sich niemand aussuchen können, dafür war die Weiterleitung der Flüchtlinge sehr gut organisiert. Nach zwei Wochen im Lager Traiskirchen hat uns eine kroatischstämmige Familie aus dem Burgenland aufgenommen. Ich war in der Volksschule von Mattersburg der einzige Flüchtling und habe in wenigen Monaten Deutsch gelernt. Ich kann mich in viele Kriegsflüchtlinge hinein versetzen und finde es unmenschlich, Menschen die 10 Jahre in Österreich gelebt haben, wegzuschicken. Um das zu verhindern, müssen Bescheide viel schneller ausge­stellt werden. Meiner Familie in Bosnien und Kroatien fühle ich mich sehr verbunden, meine Frau ist Österreicherin und unsere Kinder wachsen zwei­sprachig auf. Es ist mir wichtig, ihnen beide Kulturen zu vermitteln, da gibt es für mich kein entweder – oder.

  • NUSRETA MAUTHNER, Kaufmännische Angestellter

    Ich bin als Bosnierin in einer serbischen Bergbau­sied­lung mit Menschen aus ganz Jugoslawien aufge­- wachsen. Als 1991 der Krieg begonnen hat, hätte mein Vater bei den Serben einrücken und womöglich auf seine eigenen Brüder schießen müssen. Wir sind nach München zu meinem Onkel geflüchtet. Ich war damals elf Jahre alt, wir sind 13 Familienmitglieder gewesen und haben in einer kleinen Wohnung gelebt. Ich habe nicht zur Schule gehen können, die Erwachsenen haben als Hilfsarbeiter gearbeitet. Mit meiner Cousine habe ich das Essen vorbereitet und die Wohnung geputzt. In Deutschland habe ich gleichzeitig Deutsch und Bosnisch lernen müssen, weil mich die eigenen Leute schief angeschaut haben. Plötzlich bin ich eine doppelte Außenseiterin gewesen. Das ist sehr schwer gewesen für mich. 1992 bin ich mit meiner Mutter nach Bosnien gegangen und habe mich dort wie eine Fremde gefühlt. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich überall eine Ausländerin bin. hier in Wien genauso wie in Sarajewo. Ich fühle mich als Europäerin. Es spielt sich alles im eigenen Kopf ab. Ich bin da, wo ich bin.

  • OMAR NAZIF, Koch, Kellner und in zweiter Ausbildung als Restaurantfachmann

    Mein Spitzname ist Sackbauer, weil ich die TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ so mag. Geboren bin ich in Ägypten und als 13 Jähriger mit meinem Vater nach Wien gekommen. In Wien bin ich am Anfang viel ausgelacht worden, das ist hart gewesem. Jetzt arbeite ich als Kellner und meine Firma ist wie eine große Familie für mich. Auf der einen Seite bin ich glücklich, auf der anderen Seite traurig, denn mein Aufenthaltstitel wird vielleicht nicht verlängert. Ich habe Angst, abgeschoben zu werden. Hier habe ich Freunde, eine Wohnung und einen Beruf, ich bin im Mieterbeirat und engagiere mich für gute Nachbar­schaft. Meine Freunde stammen aus der ganzen Welt, dadurch habe ich Sprachen, andere Mentalitäten und den Umgang mit Menschen gelernt. Heute bin ich sehr froh, dass mein Vater mich hergebracht hat, in Ägypten wäre ich höchstens Tuk Tuk Fahrer geworden.

  • SABINA NASSNER–NITSCH, Veränderin

    Meine deutsche Großmutter hat ihrem süditalienischen Mann, der einen dunklen Teint hatte, manchmal aus purer Gemeinheit gesagt, er solle sich mal wieder waschen. Als Kind habe ich gespürt, da passiert etwas mir Unverständliches und Ungerechtes. Ich hingegen werde kaum als Migrantin wahrgenommen, die Aus­grenzung passiert unbewusst. Österreicher mögen uns Deutsche viel weniger als wir sie. Ich bin auch noch eine kleine Frau, Menschen unterschätzen mich. Ich nehme es sportlich, außerdem bin ich ein sehr neu­gieriger Mensch, das Verändern ist mir ein tiefer Antrieb. Meine Mutter ist mir dafür ein tolles Vorbild. Sie ist 1,50 Meter groß, hat in den 60er Jahren eine Spedition gegründet und ist selber LKW gefahren. Die Männer haben großen Respekt vor ihr gehabt und ich bin mit dem Credo aufgewachsen, dass es für mich als Frau keine Grenzen gibt.

  • SELCUK TÜRKMEN, Inhaber des Eissalons Monte auf der Meidlinger Hauptstraße

    Meine Eltern sind als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen, ich bin in Wien geboren. Bis vor ein paar Jahren habe ich mich als Österreicher gefühlt, aber die Hetze gegen Ausländer hat die Stimmung im Land sehr verschlechtert. Meine Frau trägt ein Kopftuch, ich habe Angst, dass sie deshalb eines Tages attackiert wird. Neulich hat ihr ein Parkscheriff gesagt, „wir sind hier in Österreich“. Als wären wir Eindringlinge. Vielen Menschen fehlt der Respekt gegenüber Anderen. Man muss seinen Kopf einschalten und nicht generalisieren. Wenn ein Moslem oder ein Christ etwas anstellt, sind nicht alle anderen auch Verbrecher. Ich bin nicht strenggläubig, aber im Koran steht „Du sollst dich mit deinem Nachbarn gut verstehen.“ Letztes Jahr habe ich mit meinem Eissalon bei einer Wohltätigkeitsver­anstaltung für eine katholische Organisation mitge­macht, die sich um kranke Kinder kümmert. Das geht jeden von uns an, egal woran er glaubt. Wir Moslems sind hilfsbereite Menschen, wenn man wollte, könnte man uns richtiggehend ausnützen.

  • SONJA BRUNNER, Teamleiterin des Geriatrischen Tageszentrums Anton Benya

    Meine Mutter ist als Kleinkind mit ihrer Familie als Karpatendeutsche nach Österreich geflohen. Für mich ist das ein historisches Faktum, meine Großmutter hingegen war davon sehr traumatisiert. Als sie nach zehn Jahren endlich einen österreichischen Pass bekommen hat, hat sie ihn sogar beim Einkaufen immer dabei gehabt. Alle Kinder der Familie haben schon in jungen Jahren einen Pass bekommen, auch mein Sohn. Jeder von uns ist sozusagen jederzeit reisebereit. Dabei ist Auswandern in meinen Augen ein enormer Schritt. Sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr verständlich machen zu können, stelle ich mir dramatisch vor, besonders wenn es unfreiwillig geschieht. Die vielen Migrantinnen und Migranten, die unser Gesundheitssystem durch ihre Arbeit unter­stützen, bewundere ich immer wieder. Ich habe einmal versucht, nach Spanien auszuwandern, aber ich habe es so vermisst, präzise kommunizieren zu können, dass ich regelrecht heim nach Wien geflüchtet bin.

  • TANJA GROSSAUER RISTL, Freie Kulturmanagerin

    Ich bin mit einem österreichischen Vater und einer serbischen Mutter in der deutschen Provinz aufgewachsen. Da meine Mutter nie sehr gut Deutsch gelernt hat, ist sie immer gewissermaßen von meinem Vater abhängig geblieben. Das hat mein Bewusstsein geschärft und ich habe sehr bald die klassischen Rollenbilder abgelehnt. Ich bin als Studentin nach Wien gegangen und habe es geliebt. Und doch bin ich der Piefke geblieben. Ich finde es komisch und auch etwas absurd, so reduziert zu werden. Mein Vater hat mir geraten sehr höflich zu sein und ich habe öfters gehört, dass ich für eine Deutsche sehr nett bin. Nach einem halben Jahr Studium in Paris habe ich gewusst, dass ich Wienerin bin. Ich lebe jetzt seit 25 Jahren hier und kann mir keinen besseren Ort vorstellen. Ich denke, dass das Heimischsein an einem Ort nicht nur durch Sprache entsteht, sondern auch von der eigenen Wesensart abhängt. Manche Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, sind vom Herzen her den Österreichern sicher ähnlicher als manche polternde Deutsche.

  • XIANZHI LU, Geschäftsführerin der Tabak Trafik Qingping Liu

    xIch bin in Nordchina geboren und Anfang der 90er Jahre nach einem strengen Auswahlverfahren als Krankenschwester nach Österreich gekommen. Ich bin neugierig auf andere Länder gewesen, doch der Anfang war sehr schwer. Deutsch habe ich zwar gesprochen aber den Dialekt oft nicht verstanden. In China dürfen Krankenschwestern viel mehr machen als hier, das war demütigend und manchmal habe ich den jungen Turnusärzten bei den Infusionen geholfen. Mein Mann ist Mikrobiologe und hat als LKW Fahrer arbeiten müssen. Als er einen schweren Unfall gehabt hat, haben wir die Tabak Trafik hier gekauft. Am Anfang sind die Kunden unzufrieden gewesen, dass die neuen Besitzer Ausländer sind. Nach ein paar Monaten sind sie aufgetaut und die Stimmung ist seitdem sehr herzlich und familiär. Meine Mitarbeiter und ich sind sehr freundlich. Ich fühle mich heute als Österreicherin und möchte nicht mehr in China leben, auch wenn ich Sehnsucht nach meiner Familie habe. Nur wenn ich träume bin ich immer noch Krankenschwester, egal ob hier in Wien oder in China.